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Sybilla und Jacob Gilardi

Die Familie Gilardi stammt ursprünglich aus Brüssel. Dort hieß sie Geraert, wie aus dem noch vorhandenen Taufschein des Vaters J. Gilardi, hervorgeht.

 

Über das Herkommen der Familie Geraert liegt eine in französischer Sprache verfasste Urkunde aus dem Jahre 1714 vor. In französischer Sprache sagte man statt Geraert „Girard“ und daraus machten die Italiener Gilardi.

 

Jacob Gilardi wurde 1684 in Mailand geboren. Er war 16 Jahre bei den vornehmsten Kaufherren in Mailand, Augsburg und zuletzt in Nürnberg in Anstellung gestanden und hat sich dabei durch seinen großen Fleiß und große Mühe ein solches Ansehen erworben, dass schon beschlossen war, ihn mit einem Kapital von 24.000 fl in die Handelsschaft aufzunehmen und nach Westindien zu schicken. Jacob Gilardi aber hat auf dieses Glück verzichtet und ist vielmehr dem auf dem Sterbebette seines Freundes Johann Georg Heckel d.J. geäußerten Wunsch nachgekommen und hat dessen Witwe Sybilla geheiratet und zusammen mit ihr das Allersberger Drahtzuggeschäft im Jahre 1708 übernommen.

 

Am 24. September 1708 wurde Gilardi mit der Witwe Sybilla Heckel, geb. Maurer, getraut.

 

Sybilla Maurer wurde als 3. Kind den Eheleuten Pankraz u. Margaretha Maurer aus Freystadt geboren und am 17. November 1667 in Freystadt getauft.

 

Sie entfloh 1690 dem strengen Zunftzwang der Drahtzieher, die in Freystadt schon seit längerer Zeit mehrere Drahtziehereien betrieben.

 

Sybilla kam nach Allersberg und bat den Bürgermeister Johann Georg Heckel d.Ä. um Schutz. Dieser hatte im Jahr zuvor eine Drahtzieherei neben seinem Adleranwesen am Marktplatz gebaut, doch der Betrieb wollte nicht so recht florieren, da anscheinend das notwendige Fachwissen fehlte

 

Sybilla brachte aus Freystadt das Wissen und die Kenntnisse um guten Drahtzug mit und versprach, das Unternehmen Drahtzug in Allersberg in Gang zu bringen. So wurde sie freundlich aufgenommen und setzte ihr Versprechen in die Tat um. Sie wird als Retterin des Allersberger Drahtzugs bezeichnet.

 

Ein Sohn des Bürgermeisters, gleichen Namens wie sein Vater, Johann Georg Heckel , hatte die fleißige junge Sybilla Maurer lieb gewonnen und hielt bei den Eltern um ihre Hand an. Diese gaben angesichts der Verdienste des Mädchens um die Familie Heckel ihre Einwilligung. Die Vermählung fand am 29. April 1692 in Allersberg statt. Die jungen Eheleute betrieben nun die Fabrikation des leonischen Drahtzuges sehr erfolgreich weiter.

 

Acht Kinder wurden dem Paar geboren. Doch im August 1707 wurde Johann Gg. Heckel d.J. im Alter von 36 Jahren durch einen plötzlichen Tod von der Seite seiner Gattin genommen, und hinterließ 6 unmündige Kinder. Noch auf seinem Sterbebett beschwor Johann Georg seine Gattin vor Zeugen, der Kinder zu gedenken und sich wieder zu verehelichen mit einem Mann, welcher im Stande sei, die Fabrik seinen Kindern zu erhalten. Er empfehle ihr als Gatten seinen Freund Jacob Gilardi, aus guter alter mailändischer Familie, dem tüchtigen Geschäftsführer im Brentano-Cimarolischen Haus in Nürnberg, der allein fähig wäre, den Rückgang der so blühenden Fabrik zu verhindern. Sybilla erfüllte den Wunsch ihres verstorbenen Gatten und verehelichte sich 1708 mit Jacob Gilardi.

 

Als Jacob Gilardi in das Heckelsche Geschäft eintrat, fand er „schlecht gebundene und konfus geführte Handelsbücher“ vor. Er ordnete nun das Geschäft mit größter Mühe und Sorgfalt, streng kaufmännisch, und brachte es durch seine Kenntnisse und Tätigkeit zu einem Betrieb, der zu Recht fabrikmäßig genannt werden konnte. Zuvor war das Geschäft nur Drahtzieherei gewesen, wie damals jedes dieser Art, deren es in Freystadt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts noch eines gab. Er machte die Drahtzieherei zur Fabrik und war derjenige, welcher als der Begründer des Handelszweiges mit leonischen Drahtwaren en gros anzusehen ist. Insofern hat Jacob Gilardi nicht bloß lokale, sondern allgemeine Bedeutsamkeit.

 

Jacob Gilardi unternahm bedeutende Geschäftsreisen, nämlich 5 nach Venedig, 8 nach Mailand und andere Orte in Italien, 2 nach Amsterdam, 3 nach Hamburg und Sachsen, 2 nach Brabant und Flandern. In Moskau war er zweimal und schloss mit der russischen Regierung unter Katharina I. einen Vertrag ab, zur Uniformierung der Armee die Borten von leonischem Silberdraht zu liefern. Im Jahre 1735 machte er noch einmal eine Reise nach Paris und andere Provinzen Frankreichs. Dadurch kam die Fabrik zu größter Blüte, so dass er vom Jahre 1708 bis zum 28. April 1735 durch sein „beständig große und schwerführende deutsche, wällische und französische Korrespondenz“ um 1.464.200 Marken Draht und Platt versandte. Zum Vergleich: sein Vorfahre und dessen Vater selig hatten in 18 Jahren 235.640 Marken umgesetzt. Außer durch ganz Europa versandte Gilardi Waren nach Lima, Portobello, Vera Cruz, Havanna, Babylon u.a.

 

Noch liegt ein Originalpass, ausgestellt von Kaiser Karl VI. in lateinischer Sprache vom 22. April 1728 auf Pergament geschrieben folgenden Inhalts vor:

Carl VI. Kaiser...... Wir gestatten mit gegenwärtigem, dass unser getreuer, lieber Jakob Gilardi, Nürnberger Kaufmann, seiner kaufmännischen Geschäfte wegen nach Italien, Holland, und Hamburg reise und wollen, dass derselbe freien Pass, geschützten und sicheren und ungehinderten Weg genieße, und befehlen deshalb, dass besagtem Jakob Gilardi mit seinen Dienern, Pferden und Wagen und den zur Reise nötigen, zur eigenen Verteidigung gehörigen Waffen und Sachen, die er bei sich führt, überall sicher und ungehindert zu gehen, durchzuziehen, zu reisen, sich aufzuhalten um zurückzukehren gestattet werde.

Gegeben in unserer Stadt Wien am 22. April 1728

L.S. Carolus, mpr.“

 

Mit 62 Jahren starb Sybilla Gilardi, verwitwete Heckel, geb. Maurer, in Allersberg und wurde am 18. April 1730 in der neu erbauten Pfarrkirche „Maria Himmelfahrt“ beigesetzt.

 

Inschrift des Bronze-Epitaphs in der Katholischen Pfarrkirche „Mariä Himmelfahrt“ in Allersberg:

Die Hoch Edle Frau Maria Sybilla Gilardin Leonische Drahtzugs-Verlägerin allhie war starkh und emsig, stark in ihrem ledigen Stand, wo sie bei der Fabrik in Freysatt merentheils mansarbeiten verrichtet hat, embsig in ihrem ersten Ehestand, wo sie die Fabrik allhier erst recht eingeführt hat, embsig in ihrem Wittibstand, wo sie die Fabrik sorgsamigst fortgeführt hat, embsig in ihrem zweiten Ehstand, wo sie die Fabrik in größte Aufnahm zu bringen geholfen hat. Diese bis gegen 62 Jahre stark embsige Frau ist 1730, den 18. April allda begraben worden.

 

Jacob Gilardi heiratete am 28. Januar 1731 in 2. Ehe Maria Katharina Brentano-Mezzagra geb. von Gratter. Aus dieser Ehe gingen 3 Töchter und 2 Söhne hervor.

Jakob Gilardi starb am 2. Februar 1739 im 55. Lebensjahr. Er fand neben seiner 1. Gemahlin Sybilla in der neuen Pfarrkirche seine letzte Ruhestätte.

 

Am Katharinen- und am Jacobstag wird jeweils in der St. Wolfgangskirche ein Gottesdienst für die großen Wohltäter gefeiert.

Im Jahr 2010 am 29. April um 10.°° Uhr; am 23. Juli um 9.°° Uhr.